Erzählung und Gedächtnis
Zur Bedeutung von Erzählgedächtnissen und ihre Reflexion für die Identitätsbildung von Gemeinschaft
Aus Anlaß von Berichten in Katharinas Wandertagebuch „Das Band“ zur Bedeutung von Erzählungen für die Identitätsbildung von Gemeinschaft haben sich weitere Einsichten ergeben, die mit der Erinnerung an Märchen und an Schöpfungsmythen der Völker auch beispiel- und vorbildhaft den Gründungsmythos einer demokratischen Rechtsverfassung – die Orestie des Aischylos – einbeziehen.
Hier zunächst zwei Stellen aus dem Tagebuchbericht Katharinas, an die wir anknüpfen.
6.7.23
(…) es seien die Erzählungen, die uns miteinander verbinden. Sei es eine Religion, eine Tradition, der Glaube an eine Erfindung, die uns als Menschheit weiterbringen kann oder die Konstruktion von Grenzen, aus denen nationale Identitäten entstehen.
7.8.23 (Salzwedel)
Zum Zusammenhalt sagt Herr Reuter, es seien die gemeinsamen Erlebnisse und Erzählungen. Das gälte sowohl für kleine Gruppen als auch für die Bürger eines ganzen Landes oder noch größere Skalen.
Erzählungen, die handlungserinnernd Gemeinschaft zu stiften vermögen, bringen Gefährdungen durch das Gemeinschaft Zerstörende in die Erfahrung. Das Gefährdende wird schon durch die Form der an ein Hören und Gedenken sich wendenden Darstellung in ein der Gefahr Widerstehen gehalten.
Das im Hören Bewahrende der gedächtnistragenden Erzählform verhält die Widerfahrnis des Gefährdenden in das Überwinden und bildet so Handlungserfahrung in Zuversicht auf das Bestehenkönnen von Gefahren, die erkennbar geworden sind.
Solche Erzählungen haben in dieser eigentümlich rettenden Funktion eine je allgemeinere, grundlegendere Bedeutung, je mehr sie sich auf Verletzungen von Vermögen der Teilhabe, der Achtung und des Verantwortung übernehmenden, stellvertretenden Verhaltens beziehen, wie dies an den Königsfiguren im Mythos oder im Märchen fasslich wird. Die Gemeinschaftsindentität stiftenden Erzählungen haben darum in der Regel Kulturheroen oder Schöpfer- und Stifterfiguren (auch als gesetzgebend) zu zentralen Identifikationsträgern.
Aufgerufen ist dadurch die sich ausrichtende Haltung der die Gemeinschaftsbedingungen der einzelnen Person bedingenden (sittlichen) Urteilskraft, deren Ethos sich mit einem empfindenden, in die handelnden Figuren sich hineinversetzenden Beurteilen bildet, dem das Werk der Ermöglichung und Gründung als gut und zu wahren würdig erscheint. Identität bildet sich als die eines Verantwortungsträgers der (sittlich-rechtlichen) Regeln des Gemeinschaftsbewußtseins von Einzelnen, die am selben Ursprung als dem ihren, ihn als den ihnen gemeinsamen in der Identifikation vergegenwärtigend teilhaben.
Solche in erzählerischer Darstellung vermittelten Erfahrungen können – wie im koreanischen Märchen vom Blaufrosch – das Ethos der Aufrichtigkeit bilden, das wir auch im Spruch mahnend weitergeben: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er selbst die Wahrheit spricht.“
Für die heranwachsenden Kinder stellt das Märchen „Hänsel und Gretel“ den Verlust der Verlässlichkeit der Betreuung und Fürsorge durch die Eltern dar, hier mitverursacht durch eine ökonomische Not, die ein Geopfertwerden der Kinder auslöst, die, um sich zu retten, nun selbständig zu handeln genötigt werden und sowohl in ihren Vermögen des sich Orientierens und des Wegfindens gefordert sind, als auch der Selbstbeherrschung gegenüber der Verführbarkeit von Begierden und dem Schein ihrer notlösend – lebkuchenknuspernden – Erfüllung.
Die gemeinschaftsstiftenden, das ethische Bewußtsein eines personal verantwortungsfähigen Verhaltens bildenden Erzählungen greift darum notwendig das Unvermögen, den Verlust und die Gefährdung von Verhaltensvermögen auf, wenden sich damit an die empfindende Urteilskraft der hörenden Einzelnen und lassen diese Vermögen als Bedingungen erkennen, die wir als Hörende nicht verwerfen, nicht mißachten und nicht vernachlässigen dürfen, sondern durch die Erzählerfahrung dazu bewegt werden, sie, dem verletzenden Handeln entgegen, zu achten und in Fürsorge zu pflegen und zu bilden.
Zuhörenkönnen ist eine auch für die Liebesverhältnisse grundlegend zu ermöglichende Aufgabe; Zuhörendürfen ist nicht nur den Kindern eine Lust, wenn die Erzählung diese ihre Hör- und Gedächtnisvermögen achtet.
Märchen wie das von Hänsel und Gretel oder von Rotkäppchen, in denen es immer auch um ein Verkennen und um die Bildung von Erfahrung aus der Not geht (vgl. das „durch Leiden Lernen“ bei Aischylos) und um die Erkenntnis aus bitterer Verfehlung, wem vertraut werden kann und wem nicht, oder wie dem vom Froschkönig, in dem es um das Halten von Versprechen, aber zugleich auch um eine Erlösung aus einer unangemessenen, befangenen, miteinander nicht zusammenstimmenden Lebensform geht [aus einer Verfassung als durch gemeinschaftliche Grundsätze sich bestimmende Lebewesen], sind in ihren zentralen Motiven verwandt mit den Mythen der Initiation, die die Riten des Übergangs zur Teilhabe an der (fürsorgenden, das Ganze je als einzelne verantwortenden) Gemeinschaft von Erwachsenen begleiten.
Für die folgenden Überlegungen greifen wir auf die Studie von Walter Burkert „homo necans“ zu den Initiationsriten der Jägergesellschaften zurück.
Wesentliches Moment ist die – in der Wiederholung rituell beherrschbare – Verletzung einer für die Gemeinschaft elementaren Regel, deren Schuld der Initiant übernimmt und mit seinem Einsatz ein Opfer bringt, das als angenommen es ermöglicht, die Verletzung zu überwinden, der Regel wieder Geltung in der Gemeinschaft zu verschaffen, an der der Initiant nun als schuld- und rettungserfahren teilhat. Entscheidend für die rituelle Funktion ist das Verhältnis zwischen Tier und Mensch, der sich der animalischen Ähnlichkeit bewußt wird.
Für diese Verbindungen von Kult und Mythos in den Initiationsriten ist ein fiktionales Moment wesentlich, das sich an den Ersetzungen des Selbstopfers (durch ein Opfertier) zeigt und die Bildung eines Ethos als geistig Haltung der Erwachsenen bedingt, die wissen und aus den zu Sitte und Brauch gehörenden Erzählgedächtnissen erkannt haben, was sie fürsorgend im Verhalten zueinander zu pflegen haben. Wir werden die zu diesem Komplex gehörenden Motive in der Orestie wiederfinden (Verletzung des Jagdtabus, Schmücken des Pfingstochsen).
Es gewinnen die Erzählungen des Rettens von als grundlegend erkennbar werdenden Verhaltensvermögen (der an Gemeinschaft teilhabenden Einzelnen – als verantwortungsfähige, für einander und für den Zusammenhalt als Gemeinschaft sich einsetzende Einzelne) selbst eine rettende, weil bildende und die (als verpflichend) anzunehmenden Bestimmungen rechtfertigende Funktion.
Die allgemeinste Form solcher rettenden, gemeinschaftsstiftenden Erzählungen stellen jene Mythen dar, die sich auf die Vermögen des Menschseinkönnens in deren Gefährdung und Ermöglichung beziehen, wie wir sie in einander darin ähnlicher Struktur in den Schöpfungsmythen der Völker finden und deutend vergleichen können.
Leitende Motive sind: die Vermögen des Wissens und Erkennens (Licht – Finsternis) für die Bildung von Bewußtsein und Urteilskraft; Stabilität in Unterscheidung von Fest und Flüssig (unstet, unbeständig, haltlos), Begründung einer Ordnung (des Verlässlichen versus Chaos als Unbeständigkeit) für das selbst Stehen- und Bestehen- und sich selbständig Orientierenkönnen (in Überwindung von Verwirrung, Desorientierung, Verkehrung von Oben und Unten).
Die Darstellung des ursprünglich ermöglichenden Werks, das eine Rettung darstellt, gewinnt als gemeinschaftliche Selbsterkenntnis für die gefährdeten Verhaltensvermögen eine rettende Funktion, die keine Entgegensetzung von Einzelnen und Gemeinschaft anzunehmen erlaubt, sondern zur gemeinschaftlichen Erkenntnis von Bedingungen führt, die als Bedingungen des selbstbewußten Einzelnen als Mensch und Person zugleich und in eines Bedingungen der für sich selbst Verantwortung tragenden Gemeinschaft sind.
Vorbildhaftes Werk der Ermöglichung von Vermögen für die Annahme des maßgeblichen Ebenbildlichkeit – der gründenden und der begründeten Person
Mit den Werkvermögen der Schöpfung (als des ursprünglich Vermögen Ermöglichenden) verbinden sich in der Reflexion auf die Gefährdung und die gebotene Erneuerung die Vermögen der Selbstsgesetzgebung und die ihre Bedingungen erkennbar werden lassenden Verletzungen von Grundgesetzen, die die Vermögen als unbedingt zu achten und zu schützen zum Bestimmungsgrund haben.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Verbindung von Schöpfungsmythos und Verfassungsbegründung eines Bundes (Schöpfungs- und Bundestheologie).
Die Einheit des schöpferisch Göttlichen und des Menschlichen im Bestimmungsgrund der menschlichen Würde wird durch die Entwürdigung des Menschseins und seiner Personalität verletzt und – für die Bildung des Widerstands als im Erzähl- und Hörgedächtnis unerträglich erinnert.
Im römischen Reich war für jeden empfindbar, dass die erzählend weitergetragene Kreuzigung als extremste Form der Entwürdigung des Königlichen der Person eines Menschen nicht gerecht sein kann, sondern die Königswürde der Person am einzelnen empfindbar allgemein und für jeden einezelnen geltend verletzt. Diese Entwürdigung kann durch die Urteilskraft des Hörgedächtnisses der Erzählung nicht affirmiert werden. Die Strafform, die die autorisierten Vertreter von Recht als öffentlich anzuerkennen verhängen, ist nicht rechtfertigbar und die Autorität des Rechts verliert ihre Legitimität in der Urteilskraft der Hörer. Die Erzählung selbst verdeutlicht dies, da die Verurteilenden selbst spöttisch der göttlich-königliche Personalität des Gekreuzigten im Erleiden Ausdruck verleihen.
So stellt sich ein beurteilendes Empfinden in der Achtungsvernunft der Hörer des Worts ein, dass hier die Person in jener Würde verletzt wird, die zum Ursprünglich Eigenen eines jeden selbst gehört.
aus Leiden Denken lernen
Das erste Chorlied im ersten Teil der Orestie, der Tragödie Agamemnon, weist die Sänger wie die Hörenden an, dass aus Leiden zu lernen ist und dass Erzählung und Gesang darum all das Schreckliche des Erlittenen bei Freund wie Feind nicht vergessen und aussparen darf:
ailinon, ailinon eipe, to doi nikato
Das Schlimme, das Schlimme sprich es aus, doch das Gute möge siegen.